Das schwarze Buch der Farben

Heute möchte ich Ihnen eines meiner Lieblingsbilderbücher in meiner Diversity-Arbeit mit Kindereinrichtungen

Das schwarze Buch der Farben

vorstellen. Es eignet sich für Kinder, hilft aber auch Jugendlichen und Erwachsenen ihre Sinne zu schärfen. Es heißt „Das schwarze Buch der Farben“ von Menena Cottin.

»Das schwarze Buch der Farben« ist ein außergewöhnliches, ein besonderes Bilderbuch. Die Farben werden auf der linken Seite mit einem Satz beschrieben: wie sie riechen, wie sie schmecken, wie sie sich anfühlen, z. B. Gelb ist so weich wie der Flaum von Küken. Der beschreibende Satz wird in Braille-Schrift wiederholt. Auf der rechten Seite sind die beschriebenen Dinge reliefartig abgedruckt und damit mit den Fingerspitzen erfühlbar.

Ein Buch, das alle Sinne sensibilisiert und Kinder (und auch Erwachsene) erahnen lässt, was es heißt, blind zu sein.

Weltkarten unter der Lupe

In den meisten Einrichtungen finden sich Weltkarten, um Eltern, Kindern, Jugendlichen, Kolleg-Innen und Besucher_innen Weltoffenheit zu vermitteln, Bewusstheit für das „große Ganze“ zu schaffen und / oder auch die Vielfalt der Einrichtung abzubilden.
Doch Vorsicht !

Vermitteln wir mit Weltkarten manchmal auch ungewollt Vorurteile?

Vorsicht ist angesagt bei:

  • „Kinderweltkarten“ mit Symbolen pro Land. Dadurch vermitteln wir den Kindern und anderen Betrachter_innen unter Umständen einen sehr eingeschränkten Eindruck von einzelnen Ländern. Deutschland ist hier ein gutes Beispiel: meistens ist hier ein Mann in Lederhosen abgebildet. Ist das, was Kinder in anderen Ländern als ersten (und vielleicht für lange Zeit einzigen Eindruck) von uns haben sollen? Nein? Dasselbe gilt dann wohl für die anderen Länder auch….
    Idee: Gestalten Sie Ihre eigene Karte, fragen Sie die Kinder, was Sie von den Ländern wissen, Jugendliche können zu den einzelnen Ländern recherchieren, arbeiten Sie mit Geschichten von Einzelpersonen (z.B. mithilfe von „Kinder aus aller  Welt„), statt Stereotypen über Länder, stellen Sie die Vielfalt pro Land dar.
  • Aber auch bei „regulären Karten“ ist Vorsicht geboten. Schauen Sie sich diese, eher „unreguläre“ Karte hier an:

Peters WeltkarteWas fällt Ihnen an der Weltkarte oben auf?

  • Richtig, die Längen- und Breitengrade sind senkrecht und waagerecht eingezeichnet und Manche Länder erscheinen „länger“ als gewohnt. Was ist dadurch anders? Und warum? Und was hat das mit Vielfalt und Vorurteilsbewusstheit zu tun?Wir alle kennen die geschwungenen Linien auf Weltkarten, die Längen- und Breitengrade darstellen. Wir haben vermutlich alle gelernt, dass das so ist, weil die Erde rund ist und beim „Aufklappen“ das eben dargestellt werden muss. Den wenigsten ist jedoch bewusst, dass sich dadurch eine Verzerrung der realen Flächenverhältnisse ergibt – die Länder nahe dem Äquator erscheinen dadurch im Verhältnis viel kleiner als sie in Wirklichkeit sind. Dadurch wirken die sogenannten „Industrienationen“ größer und die sogenannten Länder der dritten Welt kleiner. Hier kommt die Vorurteilsbewusstheit ins Spiel. Was wollen wir vermitteln? Einen realen Größenvergleich? Einen politischen Größenvergleich? Ist die gängige Art, wie Weltkarten abgebildet werden wirklich die einzig mögliche?

    Was tun?

    Arno Peters und vor ihm schon James Gall entwickelten schon 1855 bzw. 1974 einen Ansatz, bei dem alle Flächen maßstabsgetreu abgebildet werden. Der Blick auf diese Karte ist recht ungewohnt, schauen Sie selbst (siehe oben).

    Welchen Blick auf die Welt möchten Sie Ihren Kindern, Jugendlichen, Eltern und Mitarbeiter_innen vermitteln? Eines ist sicher: die sog. Peters-Weltkarte (Abbildung oben) sichtbar in der Einrichtung aufgehängt zieht Aufmerksamkeit auf sich und bietet viele Gesprächsanlässe für kleine und große Menschen über Länder, Menschen, Gerechtigkeit, Politik und die Welt.

  • Achtung auch, wenn Sie z.B. Fähnchen in die Länder stecken, „aus denen Kinder, Jugendliche und/oder Eltern der Einrichtung kommen“. Seien Sie sehr klar, was abgebildet werden soll: Wo das Kind geboren ist? Wo es aufgewachsen ist? Wo die Eltern geboren sind oder gelebt haben? Wo Urlaub gemacht wird? Einige geflüchtete Familien werden als staatenlos geführt, für sie wäre es unter Umständen fatal, wenn sie einem Herkunftsland zugeordnet würden. Ideen: Machen Sie sich Ihre Intention bewusst, überlegen Sie, ob Fähnchen die einzige Option sind, lassen Sie die Eltern entscheiden wo/on ein Fähnchen sein soll.
  • Flaggen: Vorsicht ist bei Flaggen geboten, so kommen z.B. viele kurdischen Familien aus der Türkei, aufgrund des politischen Konfliktes identifizieren Sie sich aber nicht mit dem Land und würden keinesfalls die türkische Flagge neben sich haben wollen – auch wenn das „formal“ korrekt wäre. Ideen: Lassen Sie die Kinder Ihre eigene Flagge entwerfen, erklären Sie, wie Flaggen entstehen und wofür die Farben/Zeichen einzelner Länder stehen, wenn Sie unbedingt Länderflaggen nutzen wollen: verbinden Sie sie mit Ländern, nicht mit Menschen oder geben Sie Optionen (z.B. Symbol statt Flagge oder selbst gestaltete Flagge, Lieblingsfußballmannschaft etc.)

Kreativität, Leichtigkeit UND Bewusstheit

Sie sehen, wie so oft gilt auch hier: wichtig ist die VorurteilsBEWUSSTHEIT. Seien Sie sich dieser Problematiken bewusst, treffen Sie im Team eine bewusste Entscheidung, wie Sie damit umgehen, welche Karte oder Methode Sie wie benutzen. Machen Sie sich Ihre Intention bewusst und – egal für welche Weg Sie sich dann entscheiden – suchen Sie das Gespräch mit Kindern, Jugendlichen und Eltern – und seien Sie bewusst, aber auch kreativ, spielerisch und leicht damit. Schließlich soll es ja Spaß machen, die Welt zu erkunden 🙂

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Ich war Mann und Frau

 

Ich war Mann und Frau

Kurzmitteilung

Vor Kurzem fiel mir das Buch „Ich war Mann und Frau“ von Christiane Völling in die Hände. Der Untertitel heißt „Mein Leben als Intersexuelle“. Auf den ersten Blick mögen manche denken: „Davon sind wir nicht betroffen“, oder „das ist im Kindergarten noch kein Thema“ oder ähnliches. Ich finde DOCH, es ist einThema, daher hier dieser Artikel. Ich war Mann und Frau

„Intersexuell“ bedeutet: „Es handelt sich um Menschen, deren äußeres geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an, hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen und der Hormonproduktion nicht nur männlich oder nur weiblich erscheinen, sondern scheinbar eine Mischung aus beidem darstellt.“ (www.im-ev.de).
Da in Deutschland innerhalb von 7 Tagen das Kind gemeldet und ein Geschlecht (männlich oder weiblich) zugeordnet werden muss, wurde über Jahrzehnte oft einfach ein Geschlecht ausgewählt, die Kinder entsprechend operiert und sozialisiert und ansonsten nicht viel darüber geredet. Die Folgen für die betroffenen Menschen in der Regel drastisch.

Die Zahlen sind nicht sehr klar, aber es wird davon ausgegangen, dass jeden Tag ein Kind intersexuell geboren wird. Jede_r von uns kennt also vermutlich einen intersexuellen Menschen – oder betreut eine_n in der Einrichtung.

„Mir ist das, egal, für mich sind alle gleich.“ Dieser Satz, mit dem manche Menschen Toleranz zu Tage bringen möchten, trägt aber im Gegenteil zum Verschweigen und zur Diskriminierung bei. Das Buch „Ich war Mann und Frau“ hat mir sehr die Augen geöffnet, wie sehr es auch in diesem Bereich in unser aller Verantwortung liegt, wirklich inklusiv zu sprechen und zu handeln, gerade wenn wir Mehrheiten angehören und Diversity wirklich leben möchten.

Was können wir tun?
1/ Formulare prüfen: ist die Angabe „m/w“oder „Herr/Frau“ wirklich notwendig? Falls ja, gibt es ein drittes Feld mit „intersexuell, Zwitter“ oder „anderes“?

2/ Bewusstheit über Rollenbilder, die wir leben und vermitteln. Was für ein Frauenbild / Männerbild vermittle ich? Wie sind unsere Rollen in der Einrichtung verteilt? Was erleben die Kinder und Jugendlichen?

3/ Vorsicht Sprache: „Klein für einen Jungen“, „Groß für ein Mädchen“, „Sie klettert wie ein Junge“, „Er rennt wie ein Mädchen“… diese „nicht-böse-gemeinten“ Aussprüche werden von Kinder gehört, prägen sie.  Wie gehen wir mit solchen Aussprüchen um? Wie und in welchem Rahmen thematisieren wir Rolle, Gender, Identität?

4/ Hintergrundwissen und Lebensgeschichten: welche Bücher und Informationen stellen Sie zur Verfügung? Für sich selbst, Kolleg_innen, Jugendliche, Kinder, Erwachsene?

Zum Weiterlesen:
Intersexuelle Menschen e.V.
Wikipedia
Völlig, Christiane: „Ich war Mann und Frau“
Rosen, Ursula: „Jill ist anders“ (Kinderbuch)
Fessel, Karen-Susan: „HerzBlut – Liebe macht anders“ (Jugendbuch)
Clips, Carsten: „Weil ich so bin“ (Jugendbuch, erscheint im Februar).

Weitere Artikel:
Seminar Reflexionsmoment: Geflüchtete